Tiefste Nacht. Das Haus ist dunkel. Der Hausherr schläft, während im Bücherregal eine nächtliche Meinungsverschiedenheit ausgetragen wird. Der E-Book-Reader und die Bücher streiten sich mal wieder, wer nun besser sei.
„Ey, ihr alten Säcke, macht euch hier nicht so breit. Nehmt euch mal ein Vorbild an mir. Etliche tausend Seiten auf ein paar Millimetern.“
Das war eindeutig der E-Book-Reader. Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, fühlte sich persönlich angegriffen.

„Jungchen, was weißt du schon vom Leben? Wir brauchen unsere Seiten. Es gibt für die Menschen kein schöneres Erlebnis, als uns in die Hand zu nehmen, Daumenkino-artig unsere Seiten durchzublättern und den dabei ausströmenden Buchgeruch zu riechen. An dir riechen die Menschen nur, wenn dein Akku überhitzt ist. Und dann legen sie dich schnell weit weg.“
„Pfff… Für solche Sentimentalitäten sind die Menschen nicht mehr zu haben. Effizienz heißt bei denen das Zauberwort. Sie nehmen mich viel lieber mit, denn ich verbrauche nicht so viel Platz im Gepäck“
„Was nutzt den Menschen der zusätzliche Platz, wenn dein Akku immer genau dann leer ist, wenn weit und breit keine Steckdose vorhanden ist?“ fragte das Buch namens Blackout.

„Verrate mir eins“ sprach Die Unendliche Geschichte, „kann dein schwarz-weiß-Bildschirm die Schönheit von roter und grüner Schrift darstellen? Ich bin mir sicher, dass Bastian Balthasar Bux ohne uns Bücher niemals den Weg nach Phantásien gefunden hätte, ja nicht einmal bis zum Buchhändler. Du, E-Book-Reader, bist nur eine Modeerscheinung. In fünf Jahren wirst du defekt sein und in spätestens 20 Jahren werden die Menschen wieder aus echten Büchern lesen.“
Der E-Book-Reader schrie nun trotzig: „Du irrst. Der Fortschritt ist unaufhaltsam. In fünf Jahren wird hier mein Nachfolge-Modell mit Retina-Display stehen und in 20 Jahren werden die Menschen vergessen haben, dass es die Texte, die mein Nachfolger ihnen anzeigt, mal auf Papier gab.“
Dabei griff er die Bücher in seiner Nähe an. Bei der Rauferei haben Die neuen Leiden des jungen W. ein paar Seiten am Ende verloren, eines der Harry-Potter-Bücher hat auf dem Cover einen Kratzer abbekommen, der aussieht wie ein Blitz und das Anatomie-Buch hat ein Eselsohr verpasst bekommen.
Das Handbuch des E-Book-Readers setzte dem Spuk ein Ende, indem es die Achilles-Ferse des ehemaligen Begleiters, den Ein/Aus-Knopf betätigte.

„Ihr liegt alle falsch“ sprach eine Stimme aus der Ferne. „Als ob die Menschen in 20 Jahren noch Bücher lesen würden. Es ist egal, ob elektronisch oder auf Papier. Schaut euch doch mal an. Den ganzen Tag steht ihr als Deko im Regal herum. Lediglich 22 Minuten am Tag seid ihr von Interesse. Ich bin derjenige, für den sich die Menschen interessieren, wenn ich sie täglich über dreieinhalb Stunden in meinen Bann ziehe. Und warum? Weil ich mächtiger bin als ihr. Ich kann eure Geschichten darstellen, doch umgekehrt würde niemand „Bauer sucht Frau“, „Deutschland sucht den Superstar“ oder Tine Wittlers Hausverschönerungen als Buch lesen wollen.“
„Das mag sein, doch wenn man sie darauf anspricht, würden sie auch leugnen, so etwas zu sehen. Das ist doch pure Zeitverschwendung“ meint Zeitmanagement für Dummies. „Zeit ist schließlich Geld“.
Diese Aussage konnte Momo nicht unwidersprochen stehen lassen: „Also ich persönlich bin von dem Konzept, Zeit wie Geld zu behandeln und zu sparen, nicht überzeugt.“
„Ich gebe dir Recht, Fernseher. Du kannst unsere Geschichten darstellen und die Menschen sehen es“, sprach Die Unendliche Geschichte. „Doch dass du mächtiger bist, das wage ich zu bezweifeln. Denn du schaffst es nicht, die Fantasie anzuregen. Für jeden Menschen, der meine Geschichte im Fernsehen sieht, sieht Phantasien gleich aus, nämlich so, wie der Drehbuchautor es sich vorgestellt hat. Doch nur, wer liest, kann sein eigenes Phantásien erschaffen, das für jeden anders und einzigartig ist.“