Eine bedeutende Woche liegt hinter uns.
Du bist jetzt Führungskraft in einer noch größeren Firma, was dir ein noch höheres Gehalt einbringt.
Ich habe den Anruf bekommen, dass ich den ersehnten 450-Euro-Job bekommen habe, der mir das Studium finanzieren soll.
Du feierst deinen Aufstieg mit deiner Frau beim besten Italiener der Stadt, wo ihr mit dem teuersten Rotwein, den die Karte zu bieten hat, anstoßt. Vor dem Fenster siehst du den zunehmenden Mond.

Ich sitze mit meiner Freundin auf einer Parkbank am Rhein, wo wir den billigsten Wein vom Discounter trinken, der nicht im TetraPak abgefüllt war. Soviel Luxus muss heute mal sein. Dabei sehen auch wir den Mond, wie er sich in der Wasseroberfläche des Rheins spiegelt.

Eine Woche später: Du warst heute im Kletterwald. Nein, natürlich nicht, weil du Spaß haben wolltest oder den Adrenalin-Kick gesucht hast. Dein „Big Boss“ hat allen Führungskräften eine Teambuilding-Maßnahme verordnet. Du bist von der ungewohnten Bewegung so erschöpft, dass du früh ins Bett gegangen bist.
Ich habe den Brückentag genutzt, um ins Ausland zu fahren. Nach einem erlebnisreichen Tag in Paris sitze ich auf den Stufen von Sacre-Cœur und genieße den Blick über die vom Vollmond beleuchtete Stadt.

Eine weitere Woche später: Du sitzt mit einem Großkunden beim Geschäftsessen und freust dich, dass du ihn über den Tisch gezogen hast. So wirklich zeigen kannst du deine Freude natürlich nicht, denn dann könnte dein Kunde merken, dass da was faul ist und würde den Vertrag nochmal überdenken.
Im selben Augenblick sitze ich mit Freunden im Außenbereich der Kneipe. Wir brauchen uns keine Masken aufsetzen, die unseren wahren Gesichtsausdruck verstecken sollen. Wir haben das nicht nötig, denn wir kennen uns ohnehin so gut, dass wir die Masken der anderen von den wahren Gesichtern unterscheiden können. Der abnehmende Mond spiegelt sich in den Scheiben der Kneipe.

6 Tage später: Wir sind uns zufällig in der Stadt begegnet. Du hast auf Menschen wie mich herabgeschaut, denn ich gehöre nicht zu deinesgleichen, gehöre nicht zu den oberen zehntausend.
Und ich? Ich habe auf Menschen wie dich herabgeschaut. Auf die ganzen Anzugträger, die vor lauter Seriösität vergessen haben, Mensch zu sein. Ich schaue herab auf die armen Schweine, die nicht mehr arbeiten, um zu leben, sondern nur noch für die Arbeit leben. Mit gegenseitiger Verachtung im Blick sind wir aneinander vorbei gegangen.

Am darauf folgenden Abend sitzt du im Vorgarten deiner Stadt-Villa und machst dir Gedanken. Du bekommst mehr Geld als du zum Leben brauchst. Was tust du mit dem Überschuss? Ist es profitabler, in trendigen Stadtteilen Immobilien zu kaufen und die Mieten auf das Niveau deines Stadtteils anzuheben oder doch lieber an der Börse mit Lebensmitteln spekulieren?
Ich sitze im Garten des Mehrfamilienhauses am Stadtrand, in dem ich meine Wohnung habe und betrachte den sternenklaren (wegen Neumond jedoch mondlosen) Himmel. Wir sehen beide den selben Himmel. Und da enden die Gemeinsamkeiten. Und obwohl du derjenige bist, der Style und das Geld hat, bin ich überzeugt davon, dass ich der glücklichere von uns beiden bin.

Irgendwann wird für uns beide der Tag kommen, an dem wir nicht mehr den Himmel betrachten, sondern die Radieschen von unten sehen. Und an diesem Tag werde ich sagen, dass ich mein Leben gelebt habe. Vielleicht habe ich in meinem Leben die ein oder andere falsche Entscheidung getroffen, doch ich bereue nichts von dem, was ich getan habe. An jenem Tag werde ich zurückblicken, auf all die Begegnungen mit wunderbaren Menschen, auf die großen und kleinen Begebenheiten, die einen mit Freude erfüllt haben, auf all das, was das Leben erst lebenswert macht.

Und ich frage mich, was du wohl rückblickend sagen wirst, wenn dieser Tag für dich kommt.